Impressionen aus dem InReV-Talk am 11.06.2024 zum Schlüsselthema Körper

Der letzte einstellige InReV-Talk, der mittlerweile neunte, fand am 11.06.24 zu einem Schlüsselthema einer inklusiven Religionspädagogik der Vielfalt statt. Elisabeth Fock, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Religionspädagogik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, bereitete dazu einen Kurz-Impuls zu „Der Körper im Religionsunterricht. Lernen mit oder über den Körper?“ vor.

Der Körper im Religionsunterricht. Lernen mit oder über den Körper (Elisabeth Fock)

Die These: Zum Lernen mit dem Körper gibt es schon einiges, aber zum Lernen über den Körper gibt es eine Leerstelle. Dabei ist der Körper ein zentrales Medium, das selbst aber kaum adressiert ist. An drei Beispielen wird sichtbar, wie relevant die Dimension Körper im Religionsunterricht ist: bewegter Unterricht im Klassenzimmer setzt Körperaktivität implizit voraus; Lernarrangements, die sich VR bedienen, haben eine veränderte Form von Körpererfahrung zu Grundlage, die nur ansatzweise religionspädagogisch reflektiert wird, und Lernen über den Körper findet eher im naturwissenschaftlichen Bereich statt als im RU. Dabei, so die These, hat der RU einen wichtigen Beitrag für ein gelungenes Körpergefühl und Körperdeutungen von Schüler:innen anzubieten.

Das Lernen mit dem Körper muss die Perspektiven ‚Lehrende‘ und ‚Lernende‘ mit einbeziehen. Das gelingt beim Körper jedoch nur intersektional, da hierbei jede Heterogenitätsdimension involviert ist. (Bsp. Soziale Lage und Körper: Soziale Lage „entscheidet“ über Äußerlichkeiten, Ernährungsgewohnheiten, sportliche Aktivitäten, etc. und damit über Erfahrungsmöglichkeiten)

Das Lernen mit dem Körper betrachtet zudem das Lerngeschehen. Hier gibt es bereits einige Ansätze zu körperorientierten Lernformen: ästhetische Bildung (Gärtner, 2011), leibliches Lernen (Buck, 2005), performativer Religionsunterricht (Leonhard, 2006; Mendl, 2016; Hilpert, 2020). All diese Lernformen setzen ein Subjektverständnis voraus, das leiblich verfasst ist, und verstehen Religion als ein leib-räumlich verfasstes Geschehen, das sich in actu vollzieht und daher auch performativ zu erlernen ist.

Körper wiederum als Lerngegenstand, ein Lernen über den Körper, findet sich derzeit wenig explizit und dann eher stereotyp in den Lehrcurricula und Schulbüchern. Z.B. im Kontext von Schönheitsvorstellungen im Schulbuchkapitel zu Sinn und Glück (Schulbuch Mittendrin, Klasse 7/8) oder zu Geschlechterstereotypen in einer Reihe zu Liebe und Sexualität (Schulbuch Mittendrin, Klasse 9/10). 

Wenn Körperlichkeit nun religionspädagogisch neu gedacht wird, dann ist der RU ein Ort für Körperwahrnehmung und Selbstannahme; dann kann dieser zur Auseinandersetzung mit körperlicher Vielfalt beitragen und eine gegenwartssensible Theologie des Körpers inspirieren und auf diese zurückgreifen. Das heißt auch, dass eine theologische und curriculare Weiterentwicklung notwendig ist, die theologische und philosophische Konzepte für Schüler:innen anbietet. 

Diskussion

In der Diskussion ergaben sich vier thematische Schwerpunkte: Körper als Querschnittsthema, Körper als Leerstelle in Unterrichtskonzepten, Vorteile und Hürden einer Stärkung von Körperwahrnehmung und Selbstannahme sowie eine gemeinsame Entwicklung von Ansätzen einer gegenwartssensiblen Theologie des Körpers.

Körper als Querschnittsthema – Querschnittskategorie – Schlüsselthema einer InReV

In dem Konzept einer Inklusiven Religionspädagogik der Vielfalt wird von Körper als einem Schlüsselthema gesprochen, weil sich vom Körper aus alle Heterogenitätslinien entfalten und sich auf diese Weise aufschlüsseln lassen. Der Körper ist gewissermaßen ein Medium der Differenzkategorien. Somit bietet es sich an, auf der einen Seite bei der Betrachtung einzelner Heterogenitätsdimensionen auf den Körper zu schauen und damit eine Konkretisierung zu sehen und auf der anderen Seite vom Körper aus auf die Heterogenitätsdimensionen zu blicken. Es eignet sich somit auch als Querschnittsthema, weil es in allen Themen begegnet – es gibt keine Leben ohne Körperlichkeit.

Am Beispiel der Heterogenitätsdimension soziale Lage zeigt sich in Hinblick auf den Körper, z.B. in den Sinus Milieustudien, dass Jugendliche sich bemühen, ihren Selbstwert über den Körper zu definieren und zu markieren. Die Wertungsschemata sind dabei jeweils von dem bestimmt, was die Person umgibt. Es ist quasi die Währung der jeweiligen Gruppe, die die Logiken bestimmen. Sozialer Aufstieg ist dabei nicht zwingend eine Zielperspektive, sondern die individuelle Aufwertung im jeweiligen Kontext (horizontal und vertikal). Auf diese Weise lassen sich am Körper soziale Aushandlungsprozesse beobachten.

RU als Ort für Körperwahrnehmung / Selbstannahme / Positives Körpergefühl

Kein Leben ohne Körperlichkeit würde bedeuten, dass es auch keinen RU ohne einen Beitrag zum Körper geben kann. Diesen Beitrag so zu denken, dass er zu einem positiven Körpergefühl führen kann, löste jedoch ein Unbehagen aus. Zu schnell kann es übergriffig oder therapeutisch sein, zu nah ist es an der Selbstkonstruktion der Menschen.

Ein ganzheitliches Körperverständnis schließt Freude, Feiern, das Leben genießen genauso mit ein wie etwas zu leisten, zu schaffen und auch am Leben zu leiden, physische und psychische Vulnerabilität eingeschlossen. Die Beobachtung ist, dass das Schweigen über den Körper im RU über die christliche Tradition, die lange Zeit körperfeindlich war, geprägt wurde, weshalb es nun auch ein Ausdruck von Verantwortung und zugleich ein Auftrag ist, an positiven, körperfreundlichen Konstruktionen mitzuwirken. Es ist ein Subjektverständnis notwendig, das nicht jenseits von Körper gedacht wird.

Körper als Leerstelle in Unterrichtskonzepten

Das würde bedeuten, dass z.B. bei den Schöpfungserzählungen oder anderen biblischen Geschichten auf die darin transportierten Bilder von Körpervielfalt nicht verzichtet wird. Körpersprache kann hierbei ein Zugang sein. Aufschlussreich ist die Bildsprache der alttestamentlichen Bibel, die Emotionen häufig über Körperlichkeit artikuliert und so Deutungen anbietet, wie Geist und Körper zusammenhängen. Das sollte jedoch nicht einseitig als ‚Körper = Emotion‘ verstanden werden, denn zur Körperlichkeit gehören auch Kontingenzerfahrungen: Gefährdungen des Lebens, Lebensbeginn und dessen Ende, Ekelgefühle oder Körperflüssigkeiten. Wie kann Religionsunterricht und Theologie dem Optimierungsdruck und dem Wunsch körperlich unversehrt zu sein, dem Wunsch körperliche Grenzen zu verschieben, entgegentreten? Es braucht daher eine Theologie des Körpers, die Kontingenzen und Grenzen des Körpers anerkennt und Sterblichkeit nicht als Defizienz menschlichen Lebens deutet.

Entwicklung einer gegenwartssensiblen Theologie des Körpers

Es gibt bereits positive Beispiele für theologische und philosophisch Konzepte, wie z.B. Janine Wolfs Beitrag im inrev-Buch, Saskia Wendels Arbeiten zum Subjektverständnis, das den Körper mitdenkt oder die Arbeiten von Gregor Etzelmüller, der den Fragen rund um Verkörperungen nachgeht.

Körperwahrnehmung bestimmt, wie wir selbst Theologie denken und wahrnehmen und Körperwahrnehmungen wiederum theologisch deuten. Man könnte vielleicht pointieren: Jede Theologie ist eine körperliche Theologie, weil sie menschlich ist, weshalb eine Theologie zum Körper auch eher von der Anthropologie als von der Christologie ausgehen könnte. Aus den Dis/Ability-Kontexten ist Körper ein grundlegendes Thema und Nancy Eiesland und Ulrich Bach wegweisend. Aus den Queer Theology-Überlegungen sind die Arbeiten von Marcella Althaus-Reid und Adrian van Klinken genannt worden. Anhand der zwei Beispiel-Dimensionen wird deutlich, wie sehr Körper als Schlüsselthema für eine inklusive Religionspädagogik und Theologie wirksam werden kann. Viele körperliche Erfahrungen werden von vielen geteilt und daher schneller miteingebracht und mitgedacht, bei manchen Erfahrungen sind es aber nur Einzelne, und ihre Perspektiven sind es, die aufgenommen werden müssten, um eine gegenwartssensible Theologie des Körpers zu entwickeln, die der Religionspädagogik zugutekommt. Beide Perspektiven sind geeignet ein kritisches, störendes Korrektiv zu sein und empowernd zu wirken. Es braucht eine Theologie mit und über den Körper, die von der Bedürfnislage und den unterschiedlichen Perspektiven ausgeht und ein reicheres Orientierungsmoment anbietet.

Zusammengefasst

Religionsunterricht und Religionspädagogik ist und bedarf eines Lernens und Lehrens mit und über den Körper und zwar für Schüler:innen als auch für Lehrer:innen.

Körper als Querschnittsthema und Schlüsselthema ist ein Ausdrucksmoment oder Medium von Differenzkategorien.

Es gibt eine Leerstelle in Theologie und Religionspädagogik rund um den Körper und somit auch im Religionsunterricht.

Eine gegenwartsensible Theologie und Religionspädagogik des Körpers berücksichtigt, dass alle Theologie körperlich ist, und achtet darauf, diese Körper ganzheitlich zu fassen, und Perspektiven miteinzubeziehen, die sonst nicht so oft geteilt werden.

Literatur

Buck, Elisabeth (2005). Religion in Bewegung. Sekundarstufe I. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Gärtner, Claudia (2011). Ästhetisches Lernen. Eine Religionsdidaktik zur Christologie in der gymnasialen Oberstufe (= Religionspädagogik in pluraler Gesellschaft (RPG) 16). Freiburg, Basel, Wien: Herder.

Hilpert, Anne (2020). Tanz im Dazwischen. Neuformulierung einer performativen Religionspädagogik (= Religionspädagogik innovativ 36), Stuttgart 2020.

Leonhard, Silke (2006). Leiblich lernen und lehren. Ein religionsdidaktischer Diskurs (= Praktische Theologie heute 79), Stuttgart: Kohlhammer.

Mendl, Hans (2016). Religion zeigen – Religion erleben – Religion verstehen. Ein Studienbuch zum Performativen Religionsunterricht (= Religionspädagogik innovativ 16), Stuttgart: Kohlhammer.

Wolf, Janine (2020). Körper. In Thorsten Knauth, Rainer Möller & Annebelle Pithan (Hg.), Inklusive Religionspädagogik der Vielfalt. Konzeptionelle Grundlagen und didaktische Konkretionen. Münster/New York: Waxmann, 330–339.

Literaturtipps zum Weiterdenken

Althaus-Reid, Marcella (2003). The Queer God. London/New York: Routledge

Bach, Ulrich (2006). Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz. Bausteine einer Theologie nach Hadamer. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag.

Eiesland, Nancy L. (2018). Der behinderte Gott. Anstöße zu einer Befreiungstheologie der Behinderung. Würzburg: Echter.

Etzelmüller, Gregor/ Fuchs, Thomas/Tewes, Christian (Hg.). Verkörperung – eine neue interdisziplinäre Anthropologie, Berlin/Boston: De Gruyter.

Falk, Ilse/Möller, Kerstin/Raiser, Brunhilde/Wollrad, Eske (Hg.) (2012): So ist mein Leib. Alter, Krankheit und Behinderung – feministisch-theologische Anstöße. Gütersloh.

van Klinken, Adriaan (2010). When the Body of Christ has AIDS: Towards a Theology of Global Solidarity in View of the HIV Epidemic. International Journal of Public Theology. 446-465.

Wendel, Saskia (2023). Die „Leib Christi“-Metapher. Kritik und Rekonstruktion aus gendertheoretischer Perspektive. Bielefeld: transcript. 

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