Impressionen aus dem inrev-Talk zum Thema „Sprachsensibler Religionsunterricht – Schüler*innen mit geringen Deutschkenntnissen“

Im inrev-Talk am 09.04.24 gestaltete Sabine Schroeder-Zobel, RPI Loccum, einen bewusst überfordernden Einstieg. Mit ihrer langjährigen Erfahrung als Beraterin für Sprachbildung und interkulturelle Bildung weiß sie, dass Materialien für sprachsensiblen Fachunterricht für viele Unterrichtsfächer kaum vorhanden sind – so auch für den Religionsunterricht. Was das bedeutet, wurde den Teilnehmenden sehr anschaulich anhand einer scheinbar einfachen Aufgabe deutlich. Mit Hilfe von vier Bildern sollte erklärt werden, wie sich Löwenzahn vermehrt – das allerdings nicht in der eigenen Erstsprache, sondern in einer Fremdsprache, die man mehr oder weniger gut beherrscht. Durch diese Modifikation der Aufgabe wurde die Komplexität der Anforderungssituation zum Teil massiv erhöht und es wurde klar: Sprache ist ein Werkzeug, das geschmiedet wird, während man es nutzt. Und wer noch nie oder schon lange nicht mehr biologisches Vokabular in englischer Sprache genutzt hat, dem fehlen in dem Moment einfach die Worte.

In Sprache baden gegen (religiöse) Sprachlosigkeit

Auf die Frage, was wir als in dem Moment recht sprachlose Menschen gebraucht hätte, um die Aufgabe gut lösen zu können, folgten schnell konkrete Vorschläge: Begriffsklärungen, Übersetzungen, Bildkarten etc. Viel spannender war allerdings die Frage nach den Emotionen im Moment der Aufgabenbearbeitung. Von motiviert bis hilflos war alles dabei, auch gleichzeitig bei ein und derselben Person. Ähnlich geht es Schüler*innen, die am Fachunterricht teilnehmen und gar nicht oder wenig mit der Unterrichtssprache vertraut sind. Religionsunterricht bringt zudem mit, dass die allgemeinen Herausforderungen, die mit Sprache im Unterricht verbunden sind, auf eine für sehr viele Kinder und Jugendliche fremde religiöse Sprache treffen. Sie ist als Sprache für die Kommunikation von Glaubenserfahrungen sehr bildhaft und abstrakt zugleich.

Zum Umgang mit sprachlichen Herausforderungen und einer oft großen Vielfalt an vorhandener Sprache in Lerngruppen brauche es eine fehlerfreundliche Atmosphäre und Kultur der Mehrsprachigkeit, wie sie der Physikdidaktiker Josef Leisen im „Sprachbad“[1] als Lernumgebung sieht. Es gibt so viele Möglichkeiten und Begriffe in zahlreichen Sprachen, um über und von Gott zu reden. Warum sollte man diese nicht nutzen?

Sprache ändert alles

Inder Diskussion ging es besonders darum, dass die Veränderungen der sprachlichen Umgebung einen großen Einfluss auf das Selbstbild haben können. Schüler*innen, die im Unterricht in ihrer Erstsprache sehr viele Erfolgserlebnisse verbuchen, erfahren in einer sprachfremden Umgebung oft das Gegenteil: Alles ist anstrengender. Sprache immer und immer wieder zu übersetzen, ist im Alltag einfach ermüdend. Man kann die eigenen Gedanken nicht angemessen artikulieren, macht Misserfolgserlebnisse, fühlt sich hilflos und erfährt mitunter Diskriminierung. Denn es werden sehr wohl Unterschiede gemacht. Im Teilen von Beobachtungen wurde deutlich: Einige Fremdsprachen sind in Deutschland anerkannter als andere. Türkisch, Arabisch und Russisch scheinen weniger angesehen zu sein als Französisch, Englisch und Schwedisch.

All diese Sprachen halten ein großes Repertoire an religiösen Ausdrucksmöglichkeiten bereit, die aber nicht immer zum Einsatz kommen können, findet doch in Grundschulen häufig die Sprachförderung parallel zum Religionsunterricht statt. Über diese strukturelle Hürde wurde lange gesprochen. Welche religiösen Bildungschancen werden Kindern vorenthalten, die vielleicht gerade in diesem Bereich Ausdrucksmöglichkeiten suchen?

Sprache suchen – Ausdruck finden

Da die Mehrheit der Menschen mehrsprachig aufwächst, sind wir von einer Sprachenvielfalt umgeben, die auch für das Erlernen religiöser Sprachformen hilfreich sein kann. Wird Sprache bilingual gelernt, ist der Weg zum Metablick auf Sprache geebnet, wodurch Eigenheiten religiöser Sprache auch für nicht religiös sozialisierte Schüler*innen zugänglich werden können.

Eine für Fremdsprachen offene Unterrichtskultur, so waren sich alle am Talk Beteiligten einig, hat Potenzial für alle. So bieten Fremdsprachen Ausdrucksmöglichkeiten für etwas an, was es in der eigenen Sprache in der Form mitunter gar nicht gibt. Und auch so mancher Dialekt hält spannende Begriffe bereit und nicht nur das. Als „Herzsprache“ kann er, ebenso wie andere Erstsprachen, Sicherheit schaffen in der Kommunikation von individuellen Glaubenserfahrungen. In der Diskussion kam zudem auf, dass jegliche Form von Versprachlichung, sei es von Materialcollagen oder auch von einer Sprache in eine andere, bereichernd sein kann. Zum Umgang mit der eigenen Sprachbiografie und als Hilfestellung für die Suche nach der individuellen „Herzsprache“ lassen sich Sprachenportraits erstellen, bei denen ein Körperumriss mit Farben gefüllt wird, wobei jede Farbe für eine Sprache im Lebenslauf steht.

Sprache und Teilhabe

In der Diskussion kam die Frage auf, wie man Lehrkräften begegnen kann, die Fremdsprachensensibilität im Fachunterricht für unwichtig halten oder die DaF/DaZ-Förderung im Fachunterricht ablehnen. Ein Schlüssel könne darin liegen, in entlastender Weise den Verantwortungsbereich abzuklären. Es geht nicht primär um Sprachvermittlung, sondern um das Schaffen von Teilhabemöglichkeiten. Mit Blick auf die bereits erwähnte, abnehmende religiöse Sozialisation von Kindern ist das wohl etwas, was in Bezug auf religiöse Sprachfähigkeit für fast alle Schüler*innen relevant ist. Konkret kann Teilhabe ermöglicht werden, wenn religiöse Begriffe wie „Segen“ möglichst vielseitig zugänglich gemacht, mit einer konkreten, greifbaren Geschichte eingeführt werden. Auch lassen sich Audiodateien und Vorlesefunktionen nutzen, ebenso wie passende, den Inhalt unterstützende Bilder zu Texten, die dadurch erweitert statt verkürzt werden. Hier lohnt sich die Bereitschaft, von Schüler*innen mit geringen Deutschkenntnissen zu lernen, denn die wissen oft genug, was sie brauchen und wo es das gibt.

Angesprochene Literatur

Altmeyer, Stefan/Grümme, Bernhard/Kohler-Spiegel, Helga/Naurath, Elisabeth/Schröder, Bernd/Schweitzer, Friedrich (Hg.): Sprachsensibler Religionsunterricht (Jahrbuch der Religionspädagogik, 37), Göttingen 2021.

Berg, Annkathrin/Geisler, Alissa/Olgun, Katharina/Petrović, Ana-Maria: Sprachbildung im Religionsunterricht 5/6, Stuttgart u.a. 2023.

Einhellinger, Christine: Unterricht bei Zwei- und Mehrsprachigkeit. Grundlagen – Methoden – Materialien, Stuttgart 2023. (Rezension von Ulrich Jung)

Grasser, Patrick/Jung, Ulrich (Hg.): Religionsunterricht in Inklusionsklassen und an Förderschulen. Ein Buch für die Praxis, Heilsbronn 2022. (weitere Informationen)

Gümüşay, Kübra: Sprache und Sein, München 2021.

Weis, Ingrid: DaZ im Fachunterricht. Sprachbarrieren überwinden – Schüler erreichen und fördern, Mülheim an der Ruhr 2013.

Ausblick

Der nächste inrev-Talk findet am 11.06.2024 um 18:00 Uhr via Zoom statt. Das Thema wird „Körper“ sein. Unsere Impulsgeberin ist Elisabeth Fock, Universität Freiburg. Sie sind noch nicht im Verteiler für die Zugangsdaten und möchten dabei sein? Dann registrieren Sie sich hier. Bei weiteren Fragen melden Sie sich bei Vera Uppenkamp.


[1] www.sprachsensiblerfachunterricht.de

Ein Beitrag von Vera Uppenkamp.

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