Impressionen aus dem inrev-Talk zum Thema „Fragilität der Psyche“

von Vera Uppenkamp

Am 12.12.23 fand unser letzter inrev-Talk im Jahr 2023 statt und stand unter dem Thema „Fragilität der Psyche“. Die Idee des inrev-Talks: Ein kurzer thematischer Impuls als Einstieg in ein lebendiges Gespräch, bei dem professions- und handlungsfeldübergreifend diskutiert und überlegt werden kann. Janine Wolf stellte sich der Herausforderung, in maximal fünf Minuten in das Thema „Fragilität der Psyche“ einzuführen und das Gespräch durch Denkimpulse zu eröffnen.

Der Impuls basiert auf Ergebnissen aus dem ProViel-Teilprojekt „Religion inklusiv“ an der Universität Duisburg-Essen und nimmt die psychischen Belastungen junger Menschen in einer Zeit der Multikrisen in den Blick. Es ist davon auszugehen, dass in jeder Lerngruppe mehrere Kinder und Jugendliche mit Symptomen aus dem Bereich psychischer Erkrankungen zu finden sind. Und auch bei Studierenden sind mentale Belastungen und psychische Erkrankungen kein Randphänomen. Umso stärker gibt es zu denken, dass psychische Gesundheit nach wie vor häufig ein Tabuthema ist, besonders bei Lehramts- und Pfarramtsstudierenden, die befürchten, aufgrund von Psychotherapien später nicht verbeamtet zu werden.

Schlaglichter aus der Diskussion

Im Talk ging es vor allem um die Frage, welchen religionspädagogischen Räume und Anknüpfungspunkte es für die Psyche gibt. Schnell ging es in der Diskussion um die Relevanz und Aussagekraft biblischer Geschichten, insbesondere von Wundererzählungen. Sind sie anschaulich und schildern, wie Menschen in psychischen Ausnahmesituationen in ihrem Glauben Hoffnung finden? Liefern sie z.B. mit den Psalmen eine Sprache für Erfahrungen von Angst, Unsicherheit und Vulnerabilität? Oder sind sie vielmehr retraumatisierende und bagatellisierende religionsdidaktische Fallstricke? Diese Fragen konkretisierten sich besonders in der Auseinandersetzung mit Heilungswundern als „wunder Punkt“ inklusiver Religionsdidaktik.

Von dort aus ging das Gespräch weiter über die Grundsätze der Dis/Ability Studies und Fragen der Anerkennung auf mindestens zweifache Weise:

Zum einen ging es um die Frage, welche Abweichungen von Normalvorstellungen gesellschaftlich anerkannt werden und welche nicht. Wie, warum und von wem werden diese Unterschiede gemacht? Was machen Stigmata mit Menschen und wie selbst- und fremdbestimmt gestalten sich Prozesse des Sichtbarmachens? Wie wirkmächtig ist eine Kultur der Unsichtbarkeit? Wie können Räume gestaltet werden, in denen das Stigma verlassen wird? Zu dieser Frage scheinen Communities in Österreich mit einer starken empowernden Selbstorganisation für Deutschland ein gutes Vorbild zu sein.

Zum anderen ging es um die Frage, was von wem in welcher Situation als was anerkannt wird. Wer nimmt sich in pädagogischen Kontexten heraus, über andere zu urteilen, sie und ihre Erfahrungen als glaubwürdig zu bewerten? Wo sind hier die Grenzen pädagogischen Handelns erreicht und wann und wo werden sie überschritten? Wie glaubwürdig muss man sich in manchen Situationen zeigen und welche Funktion nehmen dabei medizinische Diagnosen ein?

Diese Fragen führten über die Betrachtung aktueller gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen, in denen bestimmte Verhaltensweisen besser ankommen als andere, in denen Selbstdarstellung und Weltwahrnehmung in und durch (soziale) Medien zunehmend bedeutsam werden, zurück zur Ausgangsfrage. Welchen religionspädagogischen Ort hat die Fragilität der Psyche bzw. welchen Ort kann sie haben? Im Konzept von InReV wurde danach gesucht. Schnell wurde deutlich: Vielleicht ist Medienbildung doch eine größere Aufgabe inklusiver Religionspädagogik als bisher gedacht. Gerade eine Dis/Ability-Perspektive zeigt, wie sich Gesellschaft auch medial strukturiert, Normalität orientiert an Funktionalität definiert und bestimmtes, als abweichend klassifiziertes Verhalten sanktioniert. Das zu erkennen, kann eine zentrale Aufgabe inklusiver Religionspädagogik sein und macht die Vielfalt psychischer Verfasstheit zu einem intersektionalen Querschnittsthema, das in jeder Heterogenitätsdimension mitzudenken ist.

Hier – und sicher nicht nur in dem Ansatz inklusiver Religionspädagogik der Vielfalt – steht aber zunächst die Aufgabe an, eine Sprache zu finden und anzubieten für die Erfahrungen, die mit der Fragilität, Stabilität und Wandelbarkeit von Psyche einhergehen, mit der der Unsichtbarkeit in einer auf Funktionalität ausgerichteten Gesellschaft begegnet werden kann und auch selbstkritisch danach gefragt werden darf, warum in manchen Bereichen des Lebens, in manchen Fachdiskursen und auch an anderen Orten der Fragilität der Psyche auf eine bisher sehr fragile Weise begegnet wurde.

Angesprochene Literatur

Coblentz, Jessica: Dust in the Blood. A Theology of Life with Depression, Minnesota 2022.

und

Bach, Ulrich: Boden unter den Füßen hat keiner. Plädoyer für eine solidarische Diakonie, 2., durchgesehene Auflage, Göttingen 1986.

Eiesland, Nancy L.: Der behinderte Gott. Anstöße zu einer Befreiungstheologie der Behinderung, Würzburg 2018.

Kammeyer, Katharina/Neumann, Anna: Jesus heilt – warum nicht alle? Heilungswunder aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung, in: Religion 5-10. Themen, Unterrichtsideen, Materialien. 4/2023, 12-15.

Schiefer Ferrari, Markus: Exklusive Angebote. Biblische Heilungsgeschichten inklusiv gelesen, Ostfildern 2017.

Weiterführende Informationen

www.dare2care.de

www.oh-grow.de/s/ohgrow

Moodle-Showroom zum ProViel-Teilprojekt „Religion inklusiv“ (Schlüssel für Gastzugang: InklusionUndReligionspädagogik)

Ausblick

Im nächsten Jahr geht es weiter! Der nächste inrev-Talk findet am 13.02.2024 um 18:00 Uhr wieder via Zoom statt. Das Thema wird „Fremdheit“ sein und unsere Impulsgeberin ist Rebecca Grantz. Sie sind noch nicht im Verteiler für die Zugangsdaten und möchten dabei sein? Dann registrieren Sie sich hier. Bei weiteren Fragen, melden Sie sich bei Vera Uppenkamp.


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