Inklusion bedeutet Protest – Raul Krauthausens Newsletter und was eine InReV und die Hochschule damit anfangen können

von Katinka Gräbe

„Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ ist der Titel von Raul Krauthausens Buch (Aguayo-Krauthausen 2014) und, wie ich finde, ebenfalls eine gute Beschreibung seiner Einstellung zum Leben. Von Resignation hält der studierte Kommunikationswirt und Design Thinker nämlich gar nichts, wenn es darum geht, für die Rechte von Menschen mit Behinderung und anderen benachteiligten Gruppen zu kämpfen. Sein Arbeitsort ist dabei hauptsächlich die Internet- und Medienwelt und sein Ziel: Teilhabe für alle. Diesem Ziel kommt er nicht zuletzt durch seinen vor mehr als 15 Jahren gegründeten Verein Sozialhelden e.V. näher. Die Sozialheld*innen erschaffen Lösungen in Form von Projekten für soziale Probleme der Gesellschaft. Ein weiteres Projekt von Krauthausen ist sein Newsletter, der jeden Dienstag im Postfach aller Interessierten landet. Was Inhalt dieses Newsletters ist und was dies für die Inklusive Religionspädagogik der Vielfalt (InReV) und Inklusion an Hochschulen bedeuten könnte, wird Thema dieses Artikels sein.

Eine Sprechblase, die mit Worten in verschiedenen Größen gefüllt ist. Manche Worte kommen mehrmals vor. Das größte Wort ist „Protest“.
Thematische Schwerpunkte von Krauthausens Newsletter (eigene Darstellung)


Die abgebildete Sprechblase ist gefüllt mit Themen des Newsletters von Raul Krauthausen. Dabei sind die Inhalte, um die es häufiger ging auch öfter und zudem größer in der Sprechblase abgebildet. Sein Newsletter erscheint einmal die Woche und umfasst ungefähr 20 deutschsprachige Verlinkungen sowie eine Kolumne von wöchentlich wechselnden Autor*innen (es gibt außerdem englischsprachige Verlinkungen). Aus der zweiten Jahreshälfte 2020 wurden insgesamt sieben Newsletter ausgewertet.[1] Bei der Auswertung wurden nur die Kurztexte der deutschen Verlinkungen und die Kolumne des Newsletters betrachtet.

Was beschäftigt Raul Krauthausen in seiner Arbeit?

Krauthausen legt sein Hauptaugenmerk auf Inklusion von Menschen mit Behinderung in verschiedensten Bereichen, darunter zum Beispiel der Arbeitsmarkt, die Schule, die Universität, kulturelles Angebot, die Medien und viele mehr. Neben Behinderung werden auch andere Kategorien wie die sexuelle Orientierung, die Herkunft oder die Hautfarbe angesprochen und auch die intersektionalen Verbindungen dieser thematisiert. Krauthausen stellt in seinem Newsletter viele Projekte, Events und Organisationen vor, die grob zusammengefasst das Ziel verfolgen, Barrieren in unserer Gesellschaft zu minimieren oder sogar zu eliminieren und dafür die Teilhabe für alle zu maximieren. Ebenso tragen verschiedenste Hilfsmittel dazu bei, diesem Ziel näher zu kommen und Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben zu ermöglichen. Solche Hilfsmittel gibt es in analoger und digitaler Form (z.B. Cochlea Implantat, PC-Steuerung mit den Augen, Gebärdensprache, Leichte Sprache) und Krauthausen klärt in seinem Newsletter über ihre Möglichkeiten aber auch ihre Grenzen auf. Er schreckt außerdem nicht davor zurück, als „Tabuthemen“ deklarierte Inhalte zu behandeln. Er spricht über Sex und Liebe von Menschen mit Behinderung; darüber, dass ein Mensch mit Behinderung oft die gleichen Bedürfnisse besitzt wie ein Mensch ohne Behinderung. In welcher Form die verlinkten Beiträge in Krauthausens Newsletter erscheinen, ist sehr verschieden. Es werden zum Beispiel Interviews, Gesprächsrunden, Podcasts, Shows und Blogs verlinkt. Dabei ist es ihm wichtig, Expert*innen zu Wort kommen zu lassen. Als Menschen mit Behinderung stehen sie somit als Subjekte im Fokus seines Newsletters, die aus der Innenperspektive heraus ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen formulieren.

Wie sich in der oben abgebildeten Sprechblase gut erkennen lässt, ist da ein Thema, welches es besonders häufig in seinen Newsletter geschafft hat: Protest. Besonders oft wird dieser an gesetzlichen Ungerechtigkeiten, verschiedenen Institutionen oder dem Arbeitsmarkt geübt. Aber auch an dem generellen und oftmals falschen Verständnis von Behinderung. Dies bringt Eliza Gawin auf den Punkt, wenn sie sagt „Man sei nicht behindert, man wird behindert“ (Gawin 2020) und damit auf das soziale Behinderungsmodell verweist.

Impulse für InReV und die Hochschule?

Krauthausen lässt bei seiner Arbeit die Hochschule nicht außer Acht und macht deutlich, dass Inklusion dort immer noch eine Baustelle darstellt. Ein großes Problem sieht er darin, dass „Menschen mit Behinderungen […] kaum an den Fragestellungen, an der Methodik als auch den Zielen von Forschung über sie beteiligt“ (Aguayo-Krauthausen 2020) werden. Er geht sogar so weit, dass Betroffene als Forschungsobjekte „ausgeforscht und damit ausgenutzt“ (Aguayo-Krauthausen 2020) würden und nicht als Subjekte Forschung (mit-)gestalten. Er fordert einen Dialog auf Augenhöhe. Wenn man dazu die InReV heranzieht und sich den sechsten der Zehn Grundsätze für inklusiven Religionsunterricht anschaut, ist die Rede vom Dialog als durchgängigem Strukturprinzip. Genau dieser Dialog findet nach Krauthausens Aussage in den Hochschulen noch viel zu selten statt und laut InReV führt das Ausbleiben von Dialog zum Ausbleiben der Chance auf Anerkennung von Differenz. In Krauthausens Worten besteht das Problem darin, „dass im Großen und Ganzen Nicht-Behinderte über Menschen mit Behinderung reden und entscheiden, anstatt mit ihnen gemeinsam zu diskutieren, ihnen konstruktiv zuzuhören und sie in Entscheidungen mit einzubeziehen.“ (Aguayo-Krauthausen 2020) Wenn man ihn nach dem Grund dieses Problems fragen würde, könnte seine Antwort folgendermaßen lauten:

„Für Menschen mit Behinderung gibt es Förderschulen, in denen sie von nichtbehinderten Kindern separiert unterrichtet werden. Immer nur unter ‚ihresgleichen‘ gewesen, scheint separiertes Wohnen und Arbeiten wie eine logische Konsequenz aus der gesonderten Beschulung, da keine anderen Perspektiven geboten werden. Man kann es Aussonderung nennen, auch wenn es gut gemeint ist.“ (Aguayo-Krauthausen 2020)

Inklusion in Hochschulen funktioniert nur dann, wenn sich auch in den vorherigen Bildungsinstitutionen um sie bemüht wird. Und so lange dieses Bemühen noch nicht genug ist und Inklusion in vielen Bereichen der Gesellschaft und darunter auch der Hochschule weiterhin eine Träumerei bleibt, wird Krauthausen nicht aufhören Protest zu üben und eine inklusive Religionspädagogik sollte es ihm gleichtun. Denn auch InReV versteht ihre Aufgabe darin, „unterschiedliche Aspekte von Ungleichheit zu erhellen“ (Knauth/Möller/Pithan 2020, 38) und mit Hilfe von Bildungspraxis „dazu bei[zu]tragen, soziale Ungleichheit abzubauen.“ (Knauth/Möller/Pithan 2020, 42) Protest ist also essenziell dafür, bestehende soziale Problematiken aufzudecken, die es bis heute schaffen, Inklusion zu erschweren oder sogar zu verhindern.

Fragen, die sich im Anschluss an diese kleine Analyse ergeben, sind zum Beispiel folgende:

  • Welche Wirkung haben Barrieren (z.B. keine Gebärdensprache, fehlende Aufzüge, usw.) in der Hochschule auf Inklusion und was kann für das Wahrnehmen und Abbauen solcher Barrieren getan werden?
  • InReV an der Hochschule – braucht es das Konzept einer Inklusiven Religionspädagogik der Vielfalt auch an Hochschulen und welche konkreten Schritte sind dafür erforderlich?
  • Welche Schlüsse lassen sich für eine InReV aus der Arbeit von Krauthausen ziehen? Braucht InReV eine stärkere Innenperspektive, um Protest zu verwirklichen? Was kann InReV von Krauthausens Perspektive auf Dialog lernen?
  • In welchem Verhältnis stehen Protest und Dialog zueinander und welche Konsequenzen ergeben sich daraus auf politischer und alltäglicher Ebene?
  • Wie kann Dialog entstehen und gefördert werden? Welche Rolle spielt die digitale Welt für inklusive Dialoge?

Katinka Gräbe studiert Lehramt an Grundschulen mit den Fächern Mathematik, Deutsch und evangelische Religionslehre an der Universität Paderborn. Neben dem Studium arbeitet sie als Studentische Hilfskraft im Bereich Didaktik der Ev. Religionslehre unter besonderer Berücksichtigung von Inklusion bei Prof. Dr. Katharina Kammeyer.


Literaturangaben

Aguayo-Krauthausen, Raúl/Appelt, Marion, Dachdecker wollte ich eh nicht werden. Das Leben aus der Rollstuhlperspektive, 2014.

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Ausgeforscht und ausgenutzt?. Ein Plädoyer für einen Rollenwechsel in der Forschung zu Behinderung (2020), URL: https://raul.de/leben-mit-behinderung/ausgeforscht-und-ausgenutzt-ein-plaedoyer-fuer-einen-rollenwechsel-in-der-forschung-zu-behinderung/ (29.01.2021).

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Das Ding mit dem Tellerrand, URL: https://raul.de/leben-mit-behinderung/das-ding-mit-dem-tellerrand/ (05.02.2021).

Aguayo-Krauthausen, Raúl (Hg.), Zur Person, URL: https://raul.de/zur-person/ (05.02.2021).

Gawin, Eliza, Nein, URL: http://eepurl.com/gRaRCH (15.09.2020).

Sozialhelden e.V. (Hg.), Über uns, URL: https://sozialhelden.de/wir/ (05.02.2021).

Knauth, Thorsten/Möller, Rainer/Pithan, Annebelle, Inklusive Religionspädagogik der Vielfalt: Eine Grundlegung, in: Knauth, Thorsten/Möller, Rainer/Pithan, Annebelle (Hg.), Inklusive Religionspädagogik der Vielfalt. Konzeptionelle Grundlagen und didaktische Konkretionen, Münster 2020, (Religious Diversity and Education in Europe 42), 20; 38-43.

Newsletter

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Newsletter vom 01.12.2020, URL: https://us8.campaign-archive.com/?u=ff13c518142950e1da3755149&id=4b30d8a786 (14.02.21)

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Newsletter vom 24.11.2020, URL: https://us8.campaign-archive.com/?u=ff13c518142950e1da3755149&id=8beebd756b (14.02.21)

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Newsletter vom 20.10.2020, URL: https://us8.campaign-archive.com/?u=ff13c518142950e1da3755149&id=0d2312616a (14.02.21)

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Newsletter vom 01.09.2020, URL: https://us8.campaign-archive.com/?u=ff13c518142950e1da3755149&id=e8a4986437 (14.02.21)

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Newsletter vom 11.08.2020, URL: https://us8.campaign-archive.com/?u=ff13c518142950e1da3755149&id=4d79948573 (14.02.21)

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Newsletter vom 14.07.2020, URL: https://us8.campaign-archive.com/?u=ff13c518142950e1da3755149&id=f172cc6cde (14.02.21)

Aguayo-Krauthausen, Raúl, Newsletter vom 09.06.2020, URL: https://us8.campaign-archive.com/?u=ff13c518142950e1da3755149&id=7830da810a (09.02.21).


[1] Auflistung der Newsletter inkl. Links am Ende des Beitrags.

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