11 Fragen an … Ilona Nord

 

 

 

Ilona Nord ist Professorin für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Würzburg und Teil des Redaktionsteams von inrev.de. Für unseren Blog beantwortet sie uns 11 Fragen:

 

Das wichtigste am Tag ist für mich …

Achtsam in jeder einzelnen Begegnung mit Menschen zu bleiben und auch den Dingen ihre je eigene Aufmerksamkeit zu geben.

 

Das Thema Inklusion beschäftigt mich …

eigentlich seit vielen Jahren, schon seit der Schulzeit, z.B. weil ich eine sehbehinderte Mitschülerin hatte. Es war sehr interessant, einmal biografisch zu überlegen, warum das Thema für mich wichtig geworden ist, welche Begegnungen mit welchen Menschen dafür bedeutend waren.

 

Inklusive Religionspädagogik der Vielfalt heißt für mich …

ein Stück der Vision von einer gerechteren Welt für alle pädagogisch wirksam werden zu lassen.

 

Was mir im Bereich inklusiver Religionspädagogik besonders wichtig ist …

Dass klar wird, dass dies kein partikularer Ansatz ist, dass wir nicht eine Religionspädagogik für Menschen, die mit Beeinträchtigungen leben, machen, sondern dass wir von Menschen, die dies tun, lernen können und mit ihnen zusammen unterwegs sind auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. Dass Menschen nie „nur“ mit Beeinträchtigungen leben, behindert sind, sondern immer zugleich auch so als Frau und Mann mit dieser oder jener sexuellen Orientierung leben. Dass es einen Unterschied macht, ob ich arm oder reich als Frau oder Mann und mit Behinderungen lebe. Dass es einen Unterschied macht, ob ich so lebe und schon immer zu einer Gesellschaft dazu gehöre oder eingewandert bin. Dass es schließlich einen Unterschied macht, ob ich religiös oder nicht religiös bin, einer Religionsgemeinschaft angehöre oder nicht und schließlich, dass es sich auf mein Sosein bezüglich Geschlecht, Behinderung, sozialem Status und Zugehörigkeit zu einer Nation auswirkt, welche Bedeutung Religion für mein Leben hat und welche Erfahrungen ich mit Religion gemacht habe. Insbesondere beschäftigt uns in Würzburg die Herausforderung zu einer antisemitismuskritischen Religionspädagogik. Das Verhältnis des Christentums zum Judentum ist an vielen historischen und aktuellen Stellen als hoch problematisch einzuschätzen. In der religiösen Praxis wie in der theologischen Theorie, darüber hinaus auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, die sich zum Teil auf christliche Traditionen bezieht, finden sich Antisemitismen, denen klar entgegengetreten werden muss.  Hier ist es nötig, Aufklärung zu betreien und es müssen wirksame Gegenpositionen entwickelt werden. Kurz und krumm, inklusive Religionspädagogik kann ohne die Perspektive der Intersektionalität und insbesondere im Bereich der christlichen Religionspädagogik auch nicht ohne eine hohe Sensibilität für christlichen Antijudaismus und Antisemitismus entwickelt werden. Zudem ist für sie auch ein gehöriges Maß an soziologischer Ungleichheitsforschung nötig, um Ungleichheit in den Partizipationsmöglichkeiten in ihren gesellschaftlichen Entwicklungen zu beobachten und diese dann religionspädagogisch zu evaluieren.

 

Mein schönster Moment zu Inklusion war …

zu erfahren, wie beglückend es ist, wenn man in einem tiefen Sinne spürt, dass man dazu gehört.

 

Herausforderungen in Bezug auf Inklusion sehe ich …

in sehr, sehr vielen verschiedenen Bereichen in der Gesellschaft. Natürlich stecke ich besonders in den Kontexten von Universität und Theologie sowie Kirchen. Hier ist noch sehr viel zu tun, dass wir eine selbstverständliche inklusive Kultur entwickeln, so dass diskriminierte Personengruppen sich nicht ständig selbst für die Einlösung ihrer Rechte einsetzen müssen, sondern alle darauf achten, dass Diskriminierungen aufgedeckt, kritisiert und ausgeräumt werden.

 

Meine besten Gedanken und Ideen kommen mir …

an verschiedenen Orten… Schließlich schätze ich ja die Vielfalt ;): Sehr oft ist das aber draußen: auf Spaziergängen, am Fluss und am Meer, beim Schwimmen, Laufen oder Radfahren…

 

Was ich gerne noch lernen möchte …

Bewusster mit meinen Potentialen und meinen Grenzen umzugehen.

 

Worüber ich mich besonders freue …

wenn ich spüre, dass da plötzlich Vertrauen da ist, in Beziehungen, privat und beruflich.

 

Worüber ich mich aufrege …

Ich rege mich über Exklusionsstrategien auf, in denen Macht ohne Gerechtigkeit und Liebe zuschlägt und Menschen niederschlägt, sie hoffnungslos werden lässt und im Grunde traumatisiert, weil sie an den Rand gedrängt werden und sie nicht mehr gehört werden, ihre Stimme zählt nicht. Das ist eine Erfahrung, die von außen in einen Menschen eindringt, das Selbstbewusstsein und die Liebe zu sich selbst kaputt macht. Es war Paul Tillich, der Liebe, Macht und Gerechtigkeit als eine Trias beschrieben hat, die zusammengehört. Oft werden Menschen separiert, ausgeschlossen, ohne dass dies für sie noch in Verbindung zu ihrem Gerechtigkeitsgefühl steht und ohne dass sie dabei noch spüren können, dass noch Liebe, also der Wunsch konstruktive Verbindungen zu halten, „im Spiel“ ist. Dass mit anderen Worten, dass noch liebevoll mit ihnen umgegangen wird und sie Achtung und Selbstachtung selbst in schwierigen Situationen bewahren können.

Bei meiner Arbeit beschäftigt mich gerade …

wie wir in der Religionspädagogik die Perspektive der Digitalisierung der Kultur mit Diversitätsorientierung verbinden. Ich benutze den Begriff der Diversitätsorientierung, weil er gesamtgesellschaftlich stärker ausdrückt als der der Inklusion, dass wir uns für eine Religionspädagogik der Vielfalt einsetzen, die das Diskriminierungsmerkmal Behinderung intensiv im Blick hat, es zugleich aber mit weiteren Perspektiven wie Gender, Sozialer Status, Antisemitismus und Antirassismus und Religionspluralität verbindet. So entsteht über dieses Jahr gemeinsam mit vielen weiteren Autorinnen und Autoren hoffentlich eine diversitäts- und digitalorientierte Religionspädagogik.

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