Wer meldet sich zu Wort?

Wer meldet sich zu Wort?

von Nele Spiering-Schomborg

Wer meldet sich zu Wort? Bei der Analyse von Figuren biblischer Gewalttexte stelle ich immer wieder die Fragen: Wer spricht und wer schweigt? Wessen Perspektive wird repräsentiert und wie geschieht diese Darstellung? Die Antworten darauf können verschiedene Machtverhältnisse sowie Formen struktureller Gewalt ins Bild setzen. Und das nicht nur im Blick auf biblische Texte! Auch aus Lebenskon(texten) lassen sich einige Stimmen besonders deutlich herauslesen, andere wiederum müssen erst mühsam mit der Lupe gesucht werden, sofern überhaupt jemand eine solche Sisyphusarbeit angeht. Und dann? Was geschieht, wenn die Leisen, „Leisegemachten“ oder Verstummten gefunden sind? Wie kommen sie zu Wort: Sprechen sie selbst, bereitet ihnen dafür jemand den Weg und zu welchem Preis nehmen sie ihn dann? Wer kann und darf eigentlich für wen und was sprechen, wenn wir Diversität konsequent zu Ende denken? Und wie reagieren wir dann auf Wortmeldungen, die uns nicht gefallen. Diese Fragen arbeiten in meinen Kopf – ich finde sie wichtig, kann sie hier aber nicht umfassend beantworten. Warum sie dann überhaupt in der Einleitung erwähnen? Ich denke einfach, dass sie meinem Text und den Leser*innen eine Art hermeneutische Orientierung geben können. Wer meldet sich zu Wort? Auch ich muss diese Frage beim Schreiben an mich selbst richten.

Wer meldet sich zu Wort? Das habe ich überlegt, als ich kürzlich noch einmal das Titelbild der aktuellen 18. Shell-Jugendstudie angeschaut habe: Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. Ich greife dazu einmal ein Zitat aus der Studie auf, das dem Nebentitel eine spezifische Richtung gibt: „Die gegenwärtige junge Generation formuliert wieder nachdrücklicher eigene Ansprüche hinsichtlich der Gestaltung der Zukunft unserer Gesellschaft und fordert, dass bereits heute die dafür erforderlichen Weichenstellungen vorgenommen werden. Als zukunftsrelevante Themen haben vor allem Umweltschutz und Klimawandel erheblich an Bedeutung gewonnen“ (Albert et al. 2019, S. 13). Wirklich? Die junge Generation? Ich denke darüber nach und erinnere mich an einen Artikel im Zeit-Magazin mit der Überschrift Klimaschutz als Klassenkampf. Darin heißt es eingangs: „Für die Umwelt streiken derzeit vor allem Schüler aus der grünen Mittelschicht.“ Ein Querschnitt sieht doch anders aus – verweist der Begriff Generation nicht aber gerade darauf? Im Online-Nachschlagewerk des Brockhaus schaue ich nach: Beim Treffer Generation (Soziologie) ist zu lesen: „die Gesamtheit einer Altersgruppe, die durch ähnliche Orientierungen, Einstellungen und Verhaltensmuster geprägt ist“. Pauschalisiert die Shell-Studie also zu stark oder andersherum dramatisiert der Artikel? Ich denke nach und suche in den Texten nach Antworten. Vielleicht sollte ich noch einmal ein paar Zeilen tiefer im Zeit-Artikel wandern, zum Beispiel dorthin, wo die Autorin relativiert und stärker differenziert – und dann vice versa ein paar Seiten in der Studie weiter blättern, zum Beispiel zum Kapitel Polarisierung, Brüche und soziale Ungleichheiten. Beiderorts werde ich fündig und sehe Nuancen. Nicht alle melden sich zu Wort. Es gibt die Leisen und „Leisegemachten“, sogar einige von ihnen.

Wer meldet sich zu Wort? Immer mehr Frauen, sagt die Shell-Studie. Im Blick auf meine Ausgangsfrage „Wer spricht, wer schweigt?“ ist das ist ein echter Fortschritt – der politisch, strukturell und personal weite Wurzeln schlagen kann. Dabei bleibt der intersektionale Filter auch weiterhin aktiv: Ungleichheit entlang sozialer und kultureller Herkunft, Geschlecht hat sich nicht aufgelöst. Obwohl die Shell-Studie zu Recht darauf hinweist, dass sich „die Vielfalt der Lebensweisen und Praktiken schlichtweg nicht auf einen einzigen Begriff (ebd., S. 42)“ oder eine spezifische Aktivität reduzieren lässt, kann der Nebentitel der Studie auch Appell oder selbsterfüllende Prophezeiung sein. Und – er benennt ja tatsächlich eine wahrnehmbare Tendenz: „Quer durch alle Gruppierungen findet sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten, darunter eine zunehmende Sorge um die ökologische Zukunft, ein Trend zu gegenseitigem Respekt und einer Achtsamkeit in der eigenen Lebensführung, ein starker Sinn für Gerechtigkeit sowie ein wachsender Drang, sich für die Belange aktiv einzusetzen“ (Ebd., S. 13).

Nicht alle melden sich zu Wort, aber viele – es können noch mehr werden.

 

Nele Spiering-Schomborg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im PRONET-Projekt 34 zur Darstellung sexualisierter Gewalt in Bibel und Religionsunterricht an der Universität Kassel, Institut für Katholische Theologie.

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