„Und du bist kräftig und kannst für andere eine Stütze sein.“ Erfahrungen aus der Hochschul-Praxis mit einem Rollenspiel aus dem inreb-Ordner

Von Laura Weidlich

Rahmung des Praxisberichts
Im Wintersemester 2018/19 konnte ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Religionspädagogik der Goethe Universität Frankfurt ein Blockseminar zur Unterrichtsgestaltung für Haupt- und Realschulen, Gymnasien sowie Förderschulen mit dem Titel „Inklusiver Religionsunterricht in Theorie und Praxis“ anbieten.
Aufgrund meines eigenen Interesses an dem Querschnittsthema Inklusion und der Freiheit, Seminarthemen frei zu wählen, konnten sich 24 Studierende ebenso wie ich mich selbst der Inklusion widmen. Auch wenn die zu behandelnden Aspekte von Unterrichtsplanung das Seminar durch Vorgaben durch den Modulplan recht stark in der Gestaltung vorgeben, konnten theoretische Perspektiven und praktische Methoden anhand vom Themenfeld der Inklusion konkretisiert werden. Der Ordner „Inklusive Religionslehrer_innenbildung“ aus dem Jahr 2014 hat mir sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung des Seminars sehr geholfen. Er diente zur Inspiration und Vorlage. Besonders die Arbeit mit dem Rollenspiel aus dem Material B7 „Heterogenität erfahren“ hat die Studierenden und mich überzeugt.
Das Rollenspiel wurde am zweiten Blocktag als erste Arbeitsphase durchgeführt. Ich selbst hatte wenig Vorstellungen, ob überhaupt und wie das Rollenspiel funktionieren würde, da es noch früh am Morgen war und die Studierenden sich erst wenig kannten. Es war also ein Wagnis, auf das ich mich eingelassen habe.

Ablauf des Rollenspiels
Das Rollenspiel funktioniert so, dass die Lerngruppe in Gruppen von jeweils acht oder sechs Personen eingeteilt wird. Diese bekommen acht oder sechs Rollenkarten. Der Arbeitsauftrag lautet: „Lesen Sie Ihre Rollenkarte durch und verhalten Sie sich ab Spielbeginn so, wie es auf der Karte steht. Keiner darf erfahren, wie Ihre Rolle beschrieben wurde und wie Sie sich verhalten sollen.“ Daraufhin sandte ich die Gruppen an verschiedene Ausgangspunkte auf dem Campus. Die Vorgabe durch das Material war, dass der Gehweg von diesem Ausgangspunkt bis zum Seminarraum als Ziel etwa 3-5 Minuten betragen und sich eine Treppe sowie eine Tür auf dem Weg befinden sollten. Vom Ausgangspunkt bis zum Seminarraum spielt jeder Studierende seine Rolle laut Rollenkarte, das Ziel ist es, als Gruppe gemeinsam am Ziel anzukommen. Sobald die Gruppe den Seminarraum betreten hat, ist das Spiel beendet. Danach schließt sich eine Reflexionsphase an, die zunächst individuell nach Gefühlen fragt, um dann im Austausch in der jeweiligen Gruppe danach fragt, was gut gelaufen ist und was hinderlich war. Daran anschließend sollen die Erfahrungen abstrahiert werden und Impulssätze wie „Heterogenität ist eine Chance, wenn … / weil …“ und „Heterogenität ist eine Herausforderung, wenn … / weil …“ vervollständig werden, die dann im Plenum diskutiert werden.
Beispiele für Rollen sind: „Du kannst nur langsam gehen, nach jedem zweiten Schritt brauchst du eine Pause. Dadurch hältst du andere oft auf. Aber du hast auch Zeit, dich umzuschauen und dich zu orientieren. Du brauchst jemanden, der dich ermutigt, schneller zu gehen.“ Und „Du kannst nur mit einem Bein richtig fest auftreten. Das andere ziehst du mehr oder weniger schlaff nach. Du brauchst jemanden, an dem du dich festhalten kannst.“
Das Besondere an diesen Rollenkarten ist, dass es zu jeder Karte eine passende andere Karte gibt. So gibt es noch eine Karte, deren Rolle sehr schnell, aber dafür orientierungslos ist. Oder eine Karte, mit der eine Rolle gespielt werden soll, die sehr stark ist, dafür eingeschränkt sehen kann. So sollten sich bestenfalls während des Rollenspiels alle mit der Hilfe der anderen zurechtfinden und die Gruppe als Ganzes schnell und wohlbehalten am Ziel ankommen.
Wenn die Gruppen kleiner als acht Personen sind, so ist es wichtig, bei der Auswahl der Rollenkarten darauf zu achten, welche Rollen für das Spiel fehlen.

Reflexion nach der Durchführung
Es ist schwierig, die Wirkung des Rollenspiels in Worte zu fassen. Die Stimmung, mit der die Gruppen wieder im Seminarraum ankamen, war ausgelassen und enthusiastisch. Die Studierenden waren sowohl von der Idee des Rollenspiels als auch von ihren Rollen und von sich als Gruppe begeistert. Sie haben sich auf ihre Rollen so sehr eingelassen, dass es schwierig war, Ruhe und Konzentration für die Reflexion zu finden. Dabei waren alle respektvoll und achtsam miteinander.
Als die Studierenden nach einer ersten aufgeregten Austauschphase zur Ruhe kommen konnten und die Reflexion angeleitet wurde, stellte sich heraus, dass der Perspektivenwechsel und die Erfahrungen, die sie jeweils als Teil einer Gruppe gesammelt haben, für viele eine Horizonterweiterung waren. Sich in eine Person hineinzuversetzen mit der Aufgabe, von A nach B zu gelangen, und dabei von anderen abhängig zu sein, wurde von den Studierenden als etwas Neues, zum Teil Unangenehmes, aber, im Falle von erhaltener Unterstützung und Hilfe, dann auch als etwas Bereicherndes empfunden.
Das Ergebnis, auf das sich der Kurs einigen konnte, war, dass Heterogenität eine Chance sein kann, wenn erstens genügend Zeit vorhanden ist, jede einzelne Person als ein Individuum wahrnehmen und dann auch wertschätzen zu können und zweitens die Einstellung der Lehrkraft eine allen Individuen zugewandte ist.
Obwohl sich die Lerngruppe kaum kannte und dieses Rollenspiel viel von den Studierenden abverlangt, da es erlebnispädagogisch ist (was nicht jeder und jedem gefällt) und auch auf eine Art intim ist, hat es auf ganzer Linie funktioniert und hat – fast schon sichtbar – Lernprozesse angestoßen.
Ich kann nur empfehlen, das Rollenspiel in Lerngruppen durchzuführen, auch wenn die Methode etwas Zeit in Anspruch nimmt. Doch der Lernertrag und die Erfahrungswerte durch den Perspektivenwechsel zeigen, dass es die beanspruchte Zeit wert ist.
Ich wünsche allen Lehrenden, die das Rollenspiel ausprobieren eine genauso offene, begeisterte Lerngruppe wie ich sie erleben durfte!

Zur Person
Ich heiße Laura Weidlich und bin wissenschaftliche Mitarbeiterin in der evangelischen Theologie am Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Goethe Universität Frankfurt. Ich habe Gymnasiallehramt mit den Fächern ev. Theologie, Geschichte und Französisch studiert und freue mich, dass ich an der Universität lehre und promovieren kann.
Ich halte drei verschiedene Seminare pro Semester, die in der Regel von Lehramtsstudierenden besucht werden. Doch auch Studierende der Religionswissenschaften und die, die den Magister Theologiae anstreben, finden sich in meinen Seminaren. Deswegen habe ich oft heterogene Lerngruppen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die mit verschiedenem Vorwissen und unterschiedlichen Erwartungen ihre Ansichten im Seminar vertreten.
Besonders in der Auseinandersetzung mit Studierenden des Förderschullehramts wurde ich unter anderem darauf aufmerksam, dass Religionsunterricht oft sehr sprachorientiert ist und andere Aneignungswege zu kurz kommen. Die Beschäftigung mit Inklusion und Differenzierung ist meiner Meinung nach zwar schon länger im religionspädagogischen Diskurs ein Thema, doch in der universitären Ausbildung von Religionslehrkräften hat sich dies nicht niedergeschlagen. Das versuche ich nun mit dem Seminar der Unterrichtsgestaltung zumindest etwas einzufangen, indem ich beispielsweise Differenzierung als einen Pflichtbestandteil in der schriftlichen Modulprüfung implementiert habe.

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