„Wer sprengt hier eigentlich wen?“ – Eindrücke aus der Vorpremiere des Films „Systemsprenger“

Ab morgen läuft der Film „Systemsprenger“ von Regisseurin Nora Fingscheidt bundesweit in den Kinos. Gestern war sie zu Gast zur Vorpremiere des Dramas um die 9-jährige Benni in Münster. Zwei Stunden lang nimmt einen der Film mit in das Leben des wilden Mädchens:

Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen! Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

(www.systemsprenger-film.de)

Der Film führt einen durch eine Achterbahn der Gefühle zwischen Hoffnung und Desillusionierung, Mitgefühl und Entsetzen. Er zeigt auf, dass die Gewalt dieses Kindes ein Schrei nach Hilfe, Liebe und beständigen Beziehungen ist und von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Er zeigt auf, dass Beziehungsaufbau im Rahmen beruflicher Tätigkeiten wie bei dem Schulbegleiter Micha ein Drahtseilakt ist. Er zeigt auf, wo die Grenzen des Kinder- und Jugendhilfesystems liegen – auch wenn die Pädagog*innen ihr Möglichstes geben.

Im Anschluss an den Film folgte eine Podiumsdiskussion u.a. mit Nora Fingscheidt, Prof. Dr. Menno Baumann (Fiedner Fachhochschule Düsseldorf) und Matthias Lehmkuhl (Referatsleitung Erzieherische Hilfen des LWL). Auch wenn die sog. „Systemsprenger“ einen Grenz- und Ausnahmefall darstellen, lieferte diese Podiumsdiskussion Impulse, die auch im Kontext inklusiver (Religions-)Pädagogik bemerkenswert sind:

So stellte etwa Matthias Lehmkuhl die Frage „Wer sprengt hier eigentlich wen?“ und in der Diskussion kam wiederholt der Aspekt auf, dass die „Sprengkraft“ nicht allein von den Kindern und Jugendlichen ausgehe, sondern das insbesondere darauf zu schauen sei, inwiefern das System die Heranwachsenden sprenge. Daran anknüpfend macht Prof. Menno Baumann deutlich, dass die meisten Hilfen an Erschöpfung scheitern: „Wir haben genügend engagierte Kollegen und differenzierte Konzepte – aber wir brauchen bessere, schnellere, effektivere Unterstützungsmöglichkeiten, damit die Pädagogen helfen können“. Zu diesen Konzepten zählt er u.a. die Inklusion. Nora Fingscheidt unterstreicht, dass sie in ihrer fünfjährigen intensiven „Recherche nirgendwo Menschen getroffen [hat], die den Kindern nicht helfen wollten“.
„Systemsprenger“ sei überdies kein politisch korrekter Begriff – dazu Baumann: „Ich will nicht, dass es einen politisch korrekten Begriff gibt, weil das System nicht politisch korrekt ist.“

Erschöpfung, Systemkritik, Unterstützungsmöglichkeiten – all das sind Aspekte, die ebenso im Inklusionsdiskurs prominent vertreten sind. Womöglich kann man in Bennis Fall auch einen Grenzfall für die Inklusion sehen. In jedem Fall macht der Film „Systemsprenger“ auf eine Randgruppe aufmerksam, die es in den Blick zu nehmen gilt: Kinder und Jugendliche, die in und mit ihrem Menschsein bestehende Systeme in Frage stellen.

Janine Wolf

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